Aus Neue Westfälische am 23.10.2000
Mikromeister hinterm Mischpult
Ulli Borgards macht den Sound für Redner, Musiker und Theaterleute
von Hartmut Brandmann
Herford. Wenn’s klingt, war’s Ulli. Der Herforder Tontechniker beschallt Säle und Plätze, bringt die Reden rüber und gibt den Konzerten Sound.
Die Halbprofis sind die schwierigsten Kunden. Ihr Können hält nicht schritt mit ihren Ansprüchen, und dann soll’s der Vollprofi hinterm Mischpult richten. Ulrich Borgards selbst hat als leidenschaftlicher Laiee angefangen. Der heute 43-jährige gehört zu der legendären Truppe des früheren Diakons Jürgen Steinbrück, der während der 70-er Jahre im ToTT Waisenhausstraße eine unvergessen muntere Jugendarbeit gemacht hat. Unvergessen ist auch das Duo "Halfzware" mit Bernd Beckmann und Volker Braun. Deren Gesänge zur Gitarre hat Borgards verstärkt. Steinbrück sah das Projekt praktisch: "Ulli, du hast doch immer 'nen Lötkolben in der Tasche: mach mal!" Improvisiertes Studio war der Flur des Jugendzentrums, ebenso bescheiden waren auch die Mittel. Mit quietsch und dröhn und Rückkopplung entstand die erste Demo-Kassette.
Auf einer Fachschule für Elektrotechnik hat Borgards seine Begabung veredelt. Kraftfahrzeug- und Zweiradmeister wurde er später auch noch. "Der Schritt von Motorensound zur Musik ist so groß gar nicht", schmunzelt der Mehrfachmeister: "Nicht umsonst hat Yamaha drei Stimmgabeln in seinem Emblem."
Das erste richtige Halfzware-Konzert betreute Borgards auf dem Engeraner Kirschblütenfest. Dann baute er seine Technik im "Gallows-Folk-Club" auf, der in der Hammersmith-Kaserne ie Fans anzog. Dann zogen die Folkies ins Jugendzentrum "Die 9". Dort hat Ulli jeden Sonntagabend das Trio Andi, Larry und Bernd "abgemischt". Auch die viele Herforder Formationen und die hochklassigen Gäste profitierten von den Fähigkeiten des Sound-Mixers. Der brauchte nicht nur gute Ohren, sondern auch das Geschick, aus wenig viel zu machen.
Eine Panne brachte die Wende zur Professionalität: Bei einem Konzert in Stuckenbrock hatte er nur einen 16 Ampere-Anschluss, der auch noch aus dem Keller des Jugendzentrums durch den Garten auf die Bühne verlegt werden musste. Eine der drei Bands de Festivals hatte sooft umgekabelt, bis die Sicherung rausflog. Und weil das Konzert weitergehen sollte, drückte ein Helfer die Sicherung immer wieder rein. Dann gab es einen Knall, und die Hochtöner in Ullis Boxen waren kaputt. Nun musste er sich entscheiden: entweder ich bleibe bei Folk und Blues oder ich investiere und riskiere größere Sachen. Er investierte und gründete die Firma "Ulrich Borgards Tontechnik & P.A. Verleih". Alle künftigen Honorare steckte er weder in die Technik.
Heute verfügt er über mehr als 30 Boxen für den weichen, vollen lang oder weittragende Höhen. Das große Mischpult mit den beiden sogenannten Side-Racks hat mehr als 1.000 Knöpfe und Regler. Kilometer lang ist das Kabel-Reservoir.
Für jede Anforderung gibt dann das passende Mirophon, auch für den Anspruch von Spitzenpolitikern: Dass Rudolf Scharping seinerzeit nicht Kanzler wurde, liegt nicht and er Übertragungsqualität seiner Wahlkampf-Rede in Bünde. Der Kandidat war so zufrieden, dass er auch den Herforder Tontechniker zum Essen einlud. Oskar Lafontaine gehört ebenfalls zu seinen Kunden. "Das Aufgebot von Sicherheitsleuten war enorm, als Oskar am Jordan-Sprudel in Bad Oeynhausen sprach", erinnert sich Borgards. "Es hatte Bombendrohungen gegeben, und das Messer-Attentat war noch in Erinnerung. Auch der Auftritt von Johannes Rau war mit größter Sorgfalt vorbereitet worden. Der Techniker bekam zentimetergenau vorgeschrieben, wo er seine Kabel verlegen darf. Der Ober, der dem damaligen Ministerpräsident eine Cola brachte, war weniger sorgfältig. Er kippte dem Promi die Brause aufs Jackett. Die Panne hat Bruder Johannes gleich als Gag in seiner Rede verarbeitet.
Aufregender war der Ton-Service für Tina Turner, die in Bad Salzuflen eine mehr private Gala gab. Keiner hatte Borgards gesagt, für wen er das Halb-Playback aufbauen soll: "Und dann war es Tina. Ihr Auftritt rauschte so schnell vorbei, dass ich vergaß, sie um ein Autogramm zu bitten."
Der letzte Einsatz war urig. In der Markthalle führten die "Kids" vom CVJM-Innenstadt am Sonntag das Musical "I have a Dream" auf. Da ging es nicht um Lautstärke, sondern um gute Nerven und viel Fingerspitzengefühl.
